Vom "Ich" zum "Wir"

Shepherds
Autor/innen
Philip Meyer
Erstellt am: 19. Juni 2013, 00:12 Uhr
Letzte größere Änderung am: 19. Juni 2013, 00:39 Uhr
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Kurzbeschreibung

Diese Muster beschreibt einen Prozess zur Unterstützung der Gruppenbildung in Service Learning Seminaren aus der Sicht eines Hochschullehrenden. Es kommen verschiedene mediale Darstellungs- und Interaktionsformen zum Einsatz, wobei sich Phasen der Information und der Abstimmung abwechseln.

Herausforderung

Es ist zentral für den Erfolg eines anspruchsvollen Service Learning Projekts, dass die beteiligten Studierenden motiviert sind. Motivation ergibt sich aus der sozialen Dynamik des Teams und aus einem Interesse an der Projektaufgabe. Aus der Perspektive einer Person, die Service Learning lehrt und Projekte koordiniert scheint es wichtig zu sein, dass Teams, die zu Semesterbeginn neu gebildet werden, gemeinsame Interessen und sich ergänzende Kompetenzen haben. Dadurch wird letztlich der Grundstein dafür gelegt, dass die Teams als Gemeinschaft zusammenwachsen und fähig sind die Projekte zur Zufriedenheit der Partnerorganisationen durchzuführen. Angesichts der limitierten Zeit, die einem am Semesterstart bleibt, um die Projekte zum Laufen zu bringen, ist das Finden solcher Konstellationen eine anspruchsvolle Aufgabe. Wenn Lehrende die Gruppenbildung nicht aktiv unterstützen, sind erfahrungsgemäß kaum Seminarteams wirklich motiviert, sie halten meist nur kurz zusammen und sind nicht optimal für die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen gerüstet. Mit einer strukturierten Herangehensweise an die Gruppenbildung kann der Lehrende späterem Stress vorbeugen.
 

Geschichte zur Herausforderung

In ihrer ersten Woche an der Universität besucht Melanie die Einführungssitzung eines Service Learning Kurses, der für ihren Studiengang angeboten wird. Wir schreiben den Beginn des Sommersemesters 2013. Sie freut sich anfangs sehr, dass sie ein praktisches Projekt angehen kann und ist hoch motiviert. Aufmerksam lauscht sie den Worten ihres Dozenten, der den Studierenden die Service Learning Methode vorstellt. Zehn lokale, gemeinwohlorientierte Einrichtungen wurden eingeladen ihre Projektideen in kurzen Vorträgen zu präsentieren. Melanie findet, dass die ersten zwei Vortragenden einen richtig guten Job machen, auch wenn sie etwas unspezifisch bleiben und viele, eher unwichtige Hintergrundinformationen nennen. Für die späteren Vortragenden bleibt im Anschluss wenig Zeit, sie müssen durch ihre Präsentationen hetzen, um in der Zeit zu bleiben. Melanie hätte zwischendrin gerne Fragen an die Vertreter der Einrichtungen gestellt, doch es gab keine Gelegenheit. Etwas frustriert wartet sie auf das Ende der Vorträge. Es fällt ihr schwer, noch aufmerksam zuzuhören. Als die Präsentationszeit schließlich abgelaufen ist, konnten zwei Gäste aus Zeitmangel gar nicht präsentieren. Der Dozent beginnt nun, kurz vor Ende der Seminarsitzung, die zwei Dutzend Studierenden im Raum nach ihren Präferenzen für die Projektarbeit zu befragen und Teams zu bilden. Melanie ist verwirrt. Sie hätte gerne mehr Zeit gehabt, um zu recherchieren und sich ihre Meinung zu bilden. Auch hätte sie am liebsten vor der Entscheidung mit ihren Kommilitonen geredet. Unsicher wie sie reagieren soll, hebt Melanie die Hand und meldet sich für die erstbeste Projektidee.
 

Kräfte

Potenzielle Teammitglieder kennen sich zum Teil schon aus anderen Zusammenarbeiten während ihres Studiums. Oft existieren Wünsche dazu, mit wem zusammen gearbeitet wird und mit wem nicht. Diese Wünsche, sofern artikuliert, sollten vor dem Hintergrund ihrer Auswirkung auf die Motivation respektiert werden. Trotzdem muss man als Lehrender auch immer die Gruppengröße im Blick haben, damit einzelne Teams nicht zu groß werden und andere nicht zustande kommen. Um den Erwartungen der Kooperationspartner gerecht zu werden, gilt die Devise die Studierenden auf so viele Projekte wie möglich zu verteilen. Jede Lösung zur Gruppenbildung kann grundsätzlich nur in dem Bewusstsein funktionieren, dass alle Partnerorganisationen studentische Unterstützung für ihre Ziele benötigen, und dass die Studierenden individuelle Interessen und Wünsche in Bezug auf die Arbeit haben. Zudem muss die Lösung der Tatsache standhalten, dass wenig Zeit und Ressourcen für die Gruppenbildung zur Verfügung stehen. Sie kanalisiert einerseits den Drang der Partner ausgiebig zu informieren (siehe: Informationsphasen) und setzt andererseits dem Wunsch der Studierenden Grenzen, viel Zeit für die Projektfindung zu haben (siehe: Abstimmungsphasen).
 

Lösung

Ein vier-stufiger Teamfindungsprozess für Service Learning Seminare hat sich wiederholt als günstig erwiesen, um die Teamfindung zu Semesterbeginn über einen Zeitraum von 2-3 Wochen hinweg zu unterstützen. Es kommen verschiedene mediale Darstellungs- und Interaktionsformen zum Einsatz, wobei sich Phasen der Information und der Abstimmung abwechseln. Es funktioniert folgendermaßen:

  1. Informationsphase I: Die Projektpartner schicken dem Lehrenden an der Universität bereits ein paar Wochen vor Semesterbeginn ein Formular, in welchem sie Projektideen möglichst ausführlich beschreiben (siehe Muster „Gestaltung eines Ideenformulars“). Der Lehrende stellt die Ideen nun ins Internet und kommuniziert sie an die Studierenden. Allerdings liefert er zunächst zu jedem Projekt nur folgende Informationen: Wer ist der Projektpartner (mit Logo der Organisation)? Was ist der Projekttitel (beinhaltet Einsatzfeld bzw. Zielgruppe der Idee sowie ungefähre Tätigkeit)?

  2. Abstimmungsphase I: Die Studierenden werden nun bei der ersten Seminarsitzung aufgefordert, unverbindlich online darüber abzustimmen, welche der Ideen sie grundsätzlich interessant finden. Hierfür eignen sich verschiedene Werkzeuge zur Online-Abstimmung (z.B. Tricider.com, siehe https://tricider.com/de/brainstorming/KEZK für eine beispielhafte Service Learning Abstimmung). Mehrfachangaben sind in dieser Phase ausdrücklich erwünscht, damit das Interesse möglichst breit abgefragt werden kann. Die Abstimmung sollte niederschwellig möglich sein, d.h. keine Registrierung und keine Datenerhebung außer dem Vornamen benötigen. Die ersten Abstimmungsphase dann sollte 1-2 Wochen dauern.

  3. Informationsphase II: Um den persönlichen Kontakt zwischen Studierenden und Partnern möglich zu machen, werden die Projektpartner mit den beliebtesten Ideen (jedoch nicht mehr als sieben Partner) an die Universität eingeladen, um diese dort in der 90-minütigen, zweiten Seminarsitzung je zehn Minuten lang vorzustellen und Fragen zu beantworten. Auch weiterführende Infomaterialien werden hier verteilt (siehe Stufe 1). Zudem erhalten die Studierenden untereinander die Möglichkeit, sich abzusprechen und Präferenzen für die Zusammenarbeit auszutauschen (siehe Muster „Gestaltung der einführenden Projektpräsentationen“)

  4. Abstimmungsphase II: Nach der zweiten Sitzung werden die Studierenden aufgefordert, ihre Präferenz in der Online-Abstimmung (siehe Stufe 2) auf Basis der Präsentationen und Gespräche zu aktualisieren und innerhalb einer Woche verbindliche Angaben zu machen. Der Lehrende hat im Anschluss an die Abstimmung eine gute Datengrundlage zu den Interessen der Studierenden und kann die Projekte entsprechend zuteilen. Ziel ist es dabei, möglichst viele Projekte zu bilden, wobei jeder Studierende mindestens ein Projekt bekommt, für das er in einer der beiden Abstimmungsphasen gestimmt hatte.
Prozessgrafik zur Übersicht: https://www.dropbox.com/s/95ockps67ytfln1/prozessgrafik.png

Diskussion der Lösung

Die Lösung hat bisher dreimalig in einem interdisziplinären Service Learning Seminar an der Universität Augsburg funktioniert, das Studierende der Fachrichtungen Medien, Wirtschaft und Pädagogik belegten. Sie funktionierte sowohl bei niedrigen Teilnehmerzahlen (10 Studierende, die sich auf 5 Projekte verteilten), als auch bei höheren Zahlen (25 Studierende auf 10 Projekte). Sowohl die Studierenden als auch die Partner zeigten sich insgesamt überwiegend zufrieden in Bezug auf die Projektergebnisse. Trotz dieser Erfolge kann eine gelungene Gruppenbildung nicht garantieren, dass die Studierenden wirklich die zur Projektarbeit passenden Kompetenzen haben. Sie kann lediglich den Beginn einer engen Kommunikation zwischen Lehrenden, Studierenden und Projektpartnern markieren. In den getesteten Fällen blieb die Motivation bei 90% der Studierenden über die gesamte Zusammenarbeit hinweg hoch. Dies ist allerdings zumindest teilweise dem Umstand zu verdanken, dass fast alle Studierenden Leistungspunkte für ihre Teilnahme bekamen, was mehr Motivation, eine erhöhte Verbindlichkeit sowie eine sehr niedrige Abbruchquote zur Folge hat (jeweils 0% nach der ersten Sitzung). Da das Seminar nie „rein freiwillig“ belegt wurde, kann hier kein Vergleich gezogen werden. Bisher wurden zudem immer alle Phasen durchlaufen, so dass nur spekuliert werden kann was passiert, wenn eine Phase so nicht stattfindet.

Neue Situation

Wenn man die Präferenzen der Studierenden einbezieht, passiert es, dass einzelne Projektpartner leer ausgehen, weil sie zu wenig Interessenten finden. Dieses Problem lässt sich durch die vorgeschlagene Lösung nicht beheben, die Ideen können dann einfach nicht realisiert werden. Ein weiteres Muster zeigt Wege auf, um Enttäuschungen bei den Partnern aufzufangen. Es schließen sich Muster an, die beschreiben wie man Enttäuschungen auf Seiten der Projektpartner in solchen Fällen gering hält, um zukünftige Zusammenarbeiten nicht zu gefährden (siehe Muster „Nein sagen, Partner enttäuschen“). Außerdem kann es passieren, dass durch die Studierenden auch nach Ablauf der Abstimmungsphasen Wünsche in Bezug auf die Teamkonstellation geäußert werden. Eine klare Kommunikation und das Einfordern von Argumenten für nachträgliche Änderungen können hier helfen, um den Prozess für alle Beteiligten trotzdem zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Eine weitere Konsequenz aus der Lösung kann ein hoher Aufwand für die persönliche Abstimmung von Projektideen mit den Partnern im Vorfeld des Seminars sein.

Erfahrungsberichte

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